Mainz: Kommunale Fürsorge 1931/32

Berlin, Fröbelstraße, Speisesaal im ObdachlosenasylAuch in Mainz waren die Folgen der Weltwirtschaftskrise allgegenwärtig. Für eine studentische Arbeit [Anm. d. Autors: Link derzeit nicht zugänglich wird im Laufe des Tages behoben, 21.10.2013] untersuchte ich die christlich-motivierte kommunale Fürsorge anhand von Berichten im „Mainzer Journal“ zwischen 1. Oktober 1931 und 31. März 1932. Das Mainzer Journal als christlich geprägte Mainzer Tageszeitung bietet die besten Voraussetzungen für diese Untersuchung.

Statt Unterstützung Beeren und Kräuter sammeln

Der Lebensstandard sank, während gleichzeitig die Arbeitslosigkeit stieg, was zu einer enormen Belastung der Finanzen von Staat und Kommunen führte. Das lag auch an der problematischen Arbeitslosenversicherung: Viele Arbeitslose waren nach 1930 schon ausgesteuert, weil zu lange arbeitslos, und unterhielten keine Unterstützung mehr. Wurde 1931 noch für Arbeitslose 2,5 Mio. und für Wohlfahrtsunterstützung unter einer Million Reichsmark ausgegeben, drehten sich die Werte innerhalb von zwei Jahren. Die Ämter und Wohlfahrtspfleger waren durch den großen Andrang sowohl überlastet als auch überfordert. Grundsätzlich hatten sie jeden zu unterstützen, der Hilfe bedurfte, doch viele Anträge wurden nach Bürokratiewahnsinn abgelehnt. Offenbar fehlten vielen gut situierten Entscheidungsträgern das Sich-Hineinversetzen-Können-Gen. In Bernkastel legte der Bürgermeister einem wiederholten Antragsteller das Sammeln von Beeren und Kräutern als Verdienstmöglichkeit nahe.

Mainzer Winterhilfe 1931/32 im Mainzer Journal

Der Haushalt in Mainz geriet nach 1930 durch schlechte Konjunktur und ebensolche Ernten aus den Fugen. Die Kommune konnte die Menge an Hilfesuchenden ohne freie und kirchliche Hilfsverbände wie Caritas und Rotes Kreuz nicht mehr aus eigener personeller und finanzieller Kraft stemmen. Bald waren aber auch die Hilfeorganisationen auf die Hilfe der ganzen Stadtbevölkerung angewiesen, denn der immense Andrang überstieg die finanziellen Möglichkeiten.

In den letzten Monaten des Jahres 1931 [1] rief das Mainzer Journal mehrmals zu Sammlungen auf und appellierte an die Nächstenliebe der wohlhabenden Mainzer Einwohner. In der Mainzer Winterhilfe 1931/32 wurden insgesamt 18.316,11 Reichsmark durch Haussammlungen, 38.895,48 Reichsmark durch direkt angeschriebene Geschäftsleute, 1.715,31 Reichsmark in Naturalien und 220,00 Reichsmark als Spenden zweier Platzkonzerten gesammelt. Durch die Summe dieser Spenden ermöglichten rund 250.000 Mittagsgerichte in der Volksküche [2], Kleidung und Lebensmittel für die Bedürftige der Stadt. Außerdem verteilte die Stadt Mainz Brennstoff, um die kalten Wintermonate etwas angenehmer zu überleben.

Forschungsdesiderat

Zu guter Letzt noch ein Aufruf: Die Fürsorge in der gesamten Weimarer Republik ist weiterhin ein Forschungsdesiderat: Zwar wird sie in jedem Handbuch und Überblicksdarstellung thematisiert, doch nur wenige Untersuchungen beschäftigen sich ausschließlich mit der sozialen Fürsorge nach der Weltwirtschaftkrise, ja, der ganzen Weimarer Republik. Erst recht kein Diskurs. Hier sei besonders

  • Brüchert, Hedwig: Ausgesteuert. Die Einführung der Arbeitslosenversicherung, die Weltwirtschaftskrise und ihre Auswirkungen. In: Mainzer Zeitschrift 10 (1997). S. 20–54.
  • Heitmann, Dagmar: Armenpflege in Mainz in der Weimarer Zeit. Mainz 1993. (= Mainzer kleine Schriften zur Volkskultur 5).
  • Marx-Jaskulski, Katrin: Armut und Fürsorge auf dem Land. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1933. Göttingen 2008. (= Moderne Zeit 16).
  • Sachße, Christoph; Tennstedt, Florian (1988): Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland. Band 2. Fürsorge und Wohlfahrtspflege 1871 – 1929. Stuttgart 1988.

hervorgehoben, auf die sich meine Untersuchung neben den Zeitungsberichten stützten.

Macht was!

 

Anmerkungen

[1] Für die ersten Monate in 1932 fehlen die Aufrufe zu solidarischen Spenden. Ein Zeichen für übermäßig erfolgreiche Sammlungen Ende 1931, dass keine weiteren Sammlungen benötigt wurden? Im Gegensatz zu meiner Meinung vor zwei Jahren macht diese Sichtweise für mich nun wenig Sinn. Warum aber fehlen die Aufrufe dann?

[2] In einer Volksküche kochten Ehrenamtliche Speise für einen symbolischen Preis. Ein Essen kostete 10 Pfennige. Die dritte und vierte Person einer Familie erhielt zwei Pfennige Rabatt und die fünfte vier Pfennige Rabatt.

Bildnachweis: Anonym, 1932 (Berlin): Berlin, Fröbelstraße (Bezirk Prenzlauer Berg), Speisesaal im Obdachlosenasyl. Bundearchiv, ADN-ZB.

Cite this article as: Petra, "Mainz: Kommunale Fürsorge 1931/32," in Tektoria, 7. Oktober 2013, https://www.tektoria.de/mainz1931/.

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